Antonius Unruhe - Stadtrichter in Torgau

Von frommen Richtern und untreuen Ehemännern

(Bernd Josef Jansen)

 

Die Anfänge der Familie Unruhe in Torgau

Wappen von Unruhe
Wappen von Unruhe

Der erste Vertreter der Familie Unruhe in Torgau ist Hans Unruhe. 1475 wohnt er am Markt im Haus Nr. 5 an der Ecke zum Fleischmarkt. 1484, 1487 und 1489 wird er als Ratsherr in Torgau erwähnt; 1491 war er Bürgermeister. Ob er in Torgau geboren wurden ist nicht bekannt, aber wegen seiner Ehrenämter recht wahrscheinlich. Seine Eltern sind nicht überliefert. Die Familie (von) Unruh(e) ist Schlesischer Uradel und erscheint erstmals 1315 mit Hans Unru, einem Getreuen des Herzogs von Glogau. Die sächsische Linie führt als Wappen in Gold einen goldgekrönten, roten Löwen und über gold-roten Helmdecken drei Straußenfedern als Helmzier. Hans Unruhes Frau war die Tochter von Jacob Sonnewald, der aus einer alteingesessen Torgauer Familie stammte und mehrfach das Amt des Bürgermeisters ausübte. Seine Witwe Brigitte ist als fromme Stifterin mehrerer Altäre und des sogenannten Sonnewaldstifts bekannt. Als "die Unruhinne" wird sie 1505 als Hausbesitzerin genannt, ihr Mann Hans war also bereits verstorben. In diesem Jahr ist sie im Schossregister (Steuerregister) mit 17 Mark als Steuergrundlage verzeichnet, ihr Name ist jedoch durchgestrichen und durch den Namen Urban Schults ersetzt worden. Demnach ist sie entweder gestorben, oder hat das Haus am Markt an diesen verkauft. Urban Schults starb 1513, sein Sohn Andres war mit Hans Unruhes Tochter Margaretha verheiratet und ist ab 1513 Besitzer des Hauses. Neben der bereits genannten Tochter Margaretha hatte das Paar noch einen Sohn namens Antonius und vielleicht noch einen zweiten Sohn Ilgen (Egidius) Unruhe, der 1529-1531 als Besitzer des Hauses Kurstraße. 9 genannt wird.

 

Antonius Unruhe (um 1485-1552)

Antonius Unruhe wurde im letzten Viertel des 15. Jh. in Torgau geboren. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt, dürfte aber um 1485 liegen. In der Literatur wird manchmal 1491 genannt, was aber wohl eine Verwechslung ist mit dem Jahr, in dem sein Vater Bürgermeister war.  1531-1551 wohnt er in der Fischerstraße 7. Das Haus wird er von der  Witwe des 1516 verstorbenen Bürgermeisters Caspar Sagner gekauft haben, die 1517 als Besitzerin genannt wird. Vielleicht geschah dies anlässlich seiner Hochzeit und Gründung eines eigenen Hausstandes um 1523. Sein Nachbar zur Rechten (Fischerstraße 5) war Veit Warbeck (*um 1490 + 1534), kursächsischer Rat und Vizekanzler in Torgau. Warbeck war Schüler Luthers, enger Freund des Reformators Georg Spalatin und Diplomat in Diensten der sächsischen Kurfürsten. Warbecks Tochter Anna heiratete 1553 Paul Luther, den Sohn des Reformators, seine Stieftochter Katharina Waldner wurde 1550 Ehefrau von Philipp Melanchthon jun. Dieser war nach 1551 Besitzer des Hauses und Nachbar der Unruhes.

Antonius Unruhe war ein sehr wohlhabender Mann. Als "Gewandtschneider" zahlte er 1542 für 600 Gulden Steuergrundlage Handelsgeld, 1531 zahlt er für 119 Schock Groschen (7189 Groschen, etwa 340 Gulden) Handelsgeld, 1551 für 70 Schock Groschen Handelsgeld im Gewandschnitt. (Ein Schock Groschen waren 60 Groschen, von denen 21 einen Gulden zählten. Die hier angegebenen Werte sind nicht der tatsächliche Steuerbetrag, sondern die Berechnungsgrundlage für die Steuern.) Der Beruf des Gewandschneiders war nicht etwa der eines Schneiders, sondern der eines Tuchhändlers. Als "Gewand" bezeichnete man damals nicht vorrangig die fertige Kleidung, sondern die gefalteten (gewandten) Stoffe. Gewandschneider kauften Tuch von Fernhändlern aus Italien, den Niederlanden oder England entweder ballenweise oder im "Ausschnitt". Das Recht zum Ausschnitt, also dem abschnittweisen Verkauf der Tuche, war häufig Anlass zum Streit mit den Krämern, den Webern oder Schneidern. Die Gewandschneider organisierten ihre Preise selbst und kamen so schon früh zu Reichtum. 

Neben seinem Beruf als Tuchhändler war Antonius Unruhe als Richter tätig. 1529 wir er als Richter, 1535-1547 als Stadtrichter erwähnt. Am 13.6.1538 bedankt sich Martin Luther in einem persönlichen Brief an ihn für ein Geschenk (eine Kufe Bier; etwa 722 Liter) und lobt ihn für seinen gottgefälligen Lebenswandel und seine gerechten Gerichtsurteile (die Übersetzung des lateinischen Verses in eckigen Klammern steht nicht im Original):

Martin Luther
Martin Luther

"Dem Ehrbarn und Weisen, Herrn Antonio Unruhe, Richtern zu Torgau.

Gnade und Friede durch Christum unsern Herrn. Ehrbarer, Weiser, lieber gunstiger Herr und Freund! Timete Dominum, erudimini, judices terrae. ["Fürchtet den Herrn, lasset euch züchtigen, ihr Richter auf Erden" (Ps. 2, 10)] Dieses ist das Wort, welches der Richter täglicher Spruch seyn soll, und ich glaube, er ist der eure; denn ein solch fromm und christlicher Richter seyd ihr, wie euch deß alle Zeugniß geben, die euch anher gekannt haben. Danke euch, mein lieber Antoni judex, daß ihr der Margaretha Dorsten behülflich gewesen, und die adeligen Hansen nicht der armen Frau Gut und Blut hinnehmen laßet. Ihr wisset, Doctor Martinus ist nicht Theologus und Verfechter des Glaubens allein, sondern auch Beystand des Rechts armer Leute, die von allen Orten und Enden zu ihn fliehen, Hülfe und Vorschrift an Obrigkeiten von ihm zu erlangen, daß er genung damit zu thun hätte, wenn ihm sonst keine Arbeit mehr auf der Schulter drückte. Aber Doctor Martinus dienet den Armen gerne, wie ihr es auch gewohnt seyd; denn ihr fürchtet Gott den Herrn, liebet Jesum Christum, forschet in der Schrift und Gottes Wort und lernet noch täglich euren Katechismum so wohl, wie die Kinder in eurer Schulen. Deß wird der Herr Christus euch wieder eingedenk seyn. Aber, lieber Richter Antoni, war es denn nicht genug, daß ihr mein Bitten und Vorsprach höretet, und mir von eurer Liebe und Willfährigkeit trößliche Zeitung thatet? Mußtet ihr auch meiner Person noch mit Geschenk eingedenk leben? und gar mit einer ganzen Kufe Torgschen Biers eures Gebräues. Ich bin der Gutthat nicht werth, und ob ich auch weiß, daß ihr nicht arm seyd, sondern daß euch Gott mit Gütern und Fülle gesegnet hat; so hätte ich lieber gesehen, ihr hättet das Bier euren Armen verschenket, die euch mit ihrem Gebet mehr Segen gebracht zusammen, als der arme Martinus allein. Dank sey euch aber doch vor euern gunstigen Willen, und Gott vergelte es euch, dem ihr hiemit befohlen seyd.

Dat. Wittenberg Donnerstags nach Pfingsten, 1538.

Martinus Luther."

Antonius Unruhe übernahm in der Stadt Torgau mehrere Ehrenämter. 1520 wurde er zum Viertelsmeister gewählt, als solcher war er Helfer der städtischen Exekutive und Legislative. Zu den Aufgaben der Viertelsmeister gehören die Vertretung der Rechte der Bürger im Stadtviertel und Anhörung vor Ratsentscheidungen, Aufsicht über das Gemeindegut, Unterstützung der Landesgewalt und der Polizei bei der Ausübung ihres Gewaltmonopoles, Erstellung von Bevölkerungslisten, Unterstützung von Wahlen, Ausübung von polizeilichen Aufgaben, Kontroll- und Meldepflicht über die Tätigkeit von Seuchen- und Quarantänebeamten und Gerichtsschöffen, Kommandant des Volksaufgebotes, Organisation der Wachen auf der Stadtmauer, Verteidigung der Stadtmauer des Stadtviertels, Leitung des Aufgebotes zur Brandbekämpfung, Aufbewahrung von Löschgeräten und die Quartiermeisterei. 1526 und 1551 war er Weinmeister. Dieser war der Verwalter des Stadtkellers, wo der in Torgau gehandelte Wein, gelagert, verkostet und taxiert wurde. Gleichzeitig war der Stadtkeller einer der gesellschaftlichen Mittelpunkte der Stadt. Neben Repräsentationsverkostungen des Rates fanden hier Feiern der verschiedenen Korporationen, wie denen der Kaufleute, genauso wie die Familienfeiern des städtischen Patriziats statt. 1527 und 1550 war er "Camerrarius", also Stadtkämmerer. 1542 wir er als Ratsherr genannt. Neben seinem Haus in der Fischerstraße besaß er noch ein Haus oder einen Hof vorm Fischertor, das 1531 auf 20 Schock Groschen Steuergrundlage berechnet wird. 1542 zahlt er Steuern für zwei Gärten, 1551 für 35 Schock Groschen für einen Garten, im gleichen Jahr zahlt er auch Steuern für eine Magd. 1531 sind seine Steuern mit 210 Schock Groschen angeschlagen, 1542 zahlt für 800 Gulden Türkensteuer, 1551 für 350 Schock Groschen und für 35 Schock Groschen für den Garten.

Am 24. September 1552 starbt Antonius Unruhe in Torgau. Sein Epitaph an der Außenmauer der Klosterkirche der Franziskaner existierte noch 1764, ist aber heute nicht mehr vorhanden.

 

Margaretha Prager (1506-1584)

Verheiratet war Antonius Unruhe mit Margaretha Prager. Diese wurde 1506 in Torgau geboren und starb dort im Pestjahr 1584. Begraben wurde sie neben ihrem Mann, ihr Epitaph hing noch 1764 an der Außenmauer der Klosterkirche der Franziskaner, ist aber heute nicht mehr vorhanden. Sie war die Tochter des Antonius Goldschmit gen. Prager (+1519/20) und der Anna Mathe (+um 1555). Ihr Vater wohnte in der Fischerstraße 2b, besaß 1500 u. 1513 den Salzmarkt, war 1508 und 1512 Kirchenvater von St. Nikolai, 1509-1511 Viertelsmeister, 1516/17 Camerarius und 1518 Richter. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete Anna Mathe in zweiter Ehe Erasmus Köppe (*1471 +1553). Seine Wappen (weiße Pflugschar in rotem Feld) und Name "eras kepfe" findet sich gemeinsam mit der Jahreszahl 1509 auf der Rückseite eines Altarbildes in der Torgauer Stadtkirche, 1517 Richter, 1516 u. 1517 Viertelsmeister, 1529 Vorsteher zum Heiligen Kreuz und Stifter eines Altars dort, 1519, 1522, 1525, 1530, 1533, 1536, 1539, 1542, 1545 u. 1548 Bürgermeister, 1520, 1523, 1526, 1529, 1537, 1540, 1543, 1546 u. 1549 Proconsul, wohnt 1522 Leipziger Strasse 26, verkauft das Haus 1523, wohnt 1531 Fischerstrasse 2b und zahlt 245 Schock Groschen, 1 Stadthufe, 3 Naundorfer Hufen, Garten/ Scheune, Hopfengarten, Handelsgeld im Gewandschnitt, einige Hauptsummen zu verzinsen, zahlt 1542 für 800 Gulden Türkensteuer, für 40 Gulden Wert Steuern für die Braupfanne, 1551 für 415 Schock Groschen incl. Garten, Wiese "über der Elbe", 1 Magd. 1545 stiftet er ein Stipendium von 730 Gulden für 3 Torgauer Torgauer Studenten, von denen jeder für 4 Jahre jährich 10 (nach anderen Quellen 15) Gulden erhalten sollen. Sein Vetter Leonhard Köppe (*1474 (oder 1464) + 1552) wurde berühmt, als er Ostern 1523 neun Nonnen, darunter Katharina von Bora, die spätere Ehefrau Martin Luthers, zur Flucht aus dem Kloster Nimbschen verhalf, indem er sie hinter (nach anderen Quellen sogar in) leeren Heringsfässern herausschmuggelte.

Margaretha Prager hatte noch zwei, vielleicht sogar drei Geschwister. Der 1520 als Besitzer des Hauses in der Fischerstraße 2b genannte Lorentz Goldschmit könnte ihr Bruder gewesen sein. Bekannter ist aber ihr anderer Bruder, der Kurfürstliche Rat Dr.iur.utr. Johannes Prager. Dieser wurde um 1510 in Torgau geboren, 1529 an der Universität Wittenberg immatrikuliert, 1531 kauft er ein Pergamentbuch vom Gemeinen Casten, 1531 wohnt er Schlossstraße 4 und zahlt für 227 ½ Schock Groschen Steuern, wohnt 1551 Nonnenstraße 6, 105 Schock Groschen und 35 Schock Groschen Gartten, wohnt 1562 Fischerstraße 2b, zahlt für 525 Schock Groschen incl. Garten, zahlt dafür 1572 für 525 Schock Groschen, 1577 für 535 Schock Groschen, Stiftungen von ihm für Currentaner und Schulkinder "im schlimmen Pestjahr 1584". Auf dem Hospitalfriedhof befanden sich vier heute nicht mehr erhaltene Grabsteine, der ihn mit seiner Frau und seinen beiden Schwestern zeigten. Die Steine werden wie folgt beschrieben:

"Vier Leichen Steine an die Mauer nach der Gaße zu eingesetzet, und 4. kniende Personen als eine Manns= und 3. Weibes Personen in Lebens Größe sich darauf praesentiren, Auf denen 2. mittelsten auch 2. Wappen mit geschloßenen Helmen und Schildern, und ein Creuze mit der Überschriff: J.N.R.J. befindt. Auf der Manns Person Wappen zeiget sich ein geschloßener Helm, oben ein Bär in einem Crone sizend, auch eine Crone aufhabend, unten im Schilde ein halber Bär mit einer Crone. Bey dem Frauen Zimmer ein geschloßener Helm mit 2. Hörnern, untem im Schilde ein Vogel so einen verkehrten Zweig im Schnabel hat, Auf dem Postament und zwar bey der ersten Weibes=Bilde stehet diese Unterschrifft:
Margaretha Ant: Unrugii Praet: Torg. uxor nata M.D.VI. Mor. Cal. IIX. A.M.D.XXCIV.
 
...
Auff dem 2. Bilde wo sich Manns= und Weibes Person praesentiret:
Elisabeth D.J. Prageri Conjux II. na: XIII. Kal. X. A.M.D.XLV. Mor: Cal: Jul. A.M.D.XXCIII.
...
Auff dem 3.ten Bilde so eine Manns Person praesentiret:
Johann Prager J.U.D. Na. .... Mor. XI. Kal: ... M.D.XXC.
...
Über dem 3.ten. Bildnüß so eine kniend Frauen Zimmer praesentiret:
Anna Petri Ockelii Dein. Wol: Ludwigeri cos. Hal. Uxor Na. A.M.D.IV. Mo:Vid: IIX. A.M.D.XXCIV."

Hier wird auch Margaretha Pragers einzige Schwester Anna erwähnt. Diese wurde 1504 in Torgau geboren und starb dort 1584, im gleichen Jahr wie Margaretha selbst. Vielleicht wurden beide ein Opfer der 1583/84 in der Stadt grassierenden Pest.   Anna heiratete in erster Ehe den Hallenser Pfänner Peter Ockel, der um 1505 in Halle geboren wurde und dort 1542 an der Pest starb. Ihr zweiter Ehemann Wolfgang (Wolf) Ludwiger (Ludwigi), geboren um 1500 in Halle, gestorben am 26. Juli 1562 in Halle, war Ratsmeister und Kirchenvorsteher zu St. Moritz in Halle, Bürgermeister 1557 u. 1560. Er wurde 1534 mit anderen Ratsmännern aus der Stadt verwiesen, weil sich nach Lutherischer Praxis das Abendmahl in beiderlei Gestalt empfangen hatten und nicht davon ablassen wollten. Offenbar zog er nach Wittenberg, wo er zum Sommersemester als Student eingeschrieben wurde. Erst 1539 konnte er zurückkehren. 1555 war er Besitzer der Ratsapotheke in Halle, die er ab so schlecht verwaltete, dass sie "so gut wie garnicht da war", später verkaufte er diese an seinen Neffen Hans Unruhe. Wolfgang Ludwiger und seine Erben führten als Eigentümer der (später so genannten) Ratsapotheke einen Jahrzehnte währenden und letztlich erfolglosen Rechtsstreit gegen den Apotheker Wolfgang Holzwirth, der aufgrund eines eigenen Apothekenprivilegs von 1555 die Geschäftstätigkeit der "Ratsapotheke" beeinträchtigte. Ein Bogen auf dem Stadtgottesacker in Halle nennt ihn und seine Brüder: "ANNO. D(OMI)NI. M[DLXIII DEN 1. APRIL HABEN DIESEN 15. BOGEN DIE ERBARN VND WEISEN HERRN WOLFF LVDWIGER RATHSMEISTER SELIGER VND HERR ERASMVS VND DAVID LUDWIGER GEBRVDERE HERRN CASPAR LVDWIGERS DES ELTERN RATHSMEISTERS]/ SELI[GEN SOHNE ZVM BEKENTNVS DER FROLICHEN AVFFERSTEHVNG VND ZV GEDECHTNVSZ IHRES GESCHLECHTS BAVEN LASSEN." Als Witwe zog Anna von Halle zurück in ihre Heimatstadt Torgau, wo sie 1569 und 1577 als Besitzerin des Hauses Fleischmarkt 6 erwähnt wird. Da sie keine Kinder hatte, verkaufte sie dieses Haus an ihren Neffen Georg Unruhe, dessen Frau 1589 und 1595 als Besitzerin aufgeführt ist.

 

Melchior Schumann (um 1533-nach 1557)

Böhm'sche Chronik
Böhm'sche Chronik

Nachdem Margaretha Pragers Ehemann Antonius Unruhe 1552 verstorben war, heiratete sie vor 1557 den ehemaligen Studenten Melchior Schumann, eine Entscheidung, die sie später noch bereuen sollte. War Margarethas erster Ehemann etwa doppelt so alt wie sie, so war Schumann nur halb so alt wie seine Frau, ja sogar noch jünger als Margarethas ältesten eigenen Kinder, die teilweise selber schon verheiratet waren. Schumann wurde um 1533 in Freiberg geboren, sein Vater war vermutlich Georg Schumann, ein ehemaliger Dominikanermönch, später evangelischer Hofprediger und Beichtvater von Herzogin Katharina von Sachsen, der Ehefrau von Heinrich dem Frommen. Ab dem 16 Dezember 1546 war Melchior Schüler an der Landesschule Pforta in Naumburg, danach Schreiber in der Präfektur Belzig. Er immatrikulierte sich im Oktober 1551 an der Universität Wittenberg als "Melchior Schuman Freibergensis ex Misnia". Schumann, der vorher armer Student gewesen war, lebte nun in sehr guten Vermögensverhältnissen und benahm sich auch so. Über sein Leben als Student urteilte er gegenüber dem späteren Torgauer Stadtarzt Dr. Balthasar Gabriel Summer (*1529 +1602) wenig schmeichelhaft: er sei als Student immer arm gewesen und hasse das Schulleben "gäntzlich". Zum Skandal kam es, als Schumann 1557 seine Ehefrau mit der Magd betrog und dabei von seinem Stiefsohn Hans Unruhe erwischt wurde. Michael Böhm, der 1576-1615 Rektor des Torgauer Lyceums war und eine Chronik der Stadt verfasste, schrieb hierzu:

"den 22. August: ward zu Torgau einer im Ehebruch ertappet. Er hieß Melchior Schumann, und war vor diesen ein armer Studiosus gewesen, Er heürathete aber, des Stadtrichters Antonii Unruhen hinterlassene Reiche Wittwe, und fing an, hochmütig zu werden, und hatte kurtz vorher, zu Summern gesprochen, da er in Torgau gewesen: Als ich ein Student, war ich immer arm. Das Schulleben hasse ich gäntzlich. Dieser ward nun am Abend des erwehnten Tages, von Johann Unruhen, seinem Stief Sohne, im Ehebruch mit der Magd im Bette schlaffend angetroffen, Da er seine Frau nach Jessen gesandt hatte. Daher er gefenglich gesetzet und nach einem schwehren und langen Proces, aus der Stadt gejaget wurde."

Die Peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. von 1532 "Constitutio Criminalis Carolina (CCC)" sah im Artikel 120 für Ehebruch drakonische Strafen vor: Männer sollten mit dem Schwert hingerichtet werden, Frauen mit Ruten gezüchtigt und in ein Kloster verbannt werden. In der praktischen Auslegung galt dies allerdings nur, wenn beide "Deliquenten" ihrerseits mit anderen Partnern verheiratet waren. Ein verheirateter Mann, der mit einer ledigen, "unbescholtenen" Frau (wie der Magd im Falle Schumanns) Geschlechtsverkehr hatte, machte sich nicht des Ehebruchs, sondern des "Stuprum", der Unzucht, schuldig. Hierfür sah die CCC schwere Körperstrafen vor. Leider sind die Prozessakten in diesem Fall nicht erhalten, am 16. Oktober 1557 wurde Schuhmann jedenfalls aus der Stadt verwiesen, durfte aber nach Fürbitte mehrerer Torgauer später zurückkehren. In Torgau entstand danach das Sprichwort "Schumanns Schuhe sind nicht jedermann gerecht", wenn jemand mehr Glück hatte als der andere.

 

Die nächste Generation

Antonius Unruhe und Margaretha Prager hatten sechs Kinder, von denen die Tochter Elisabeth sicher die älteste war. Sie heiratete den Hallenser Pfänner Hieronymus Bause, ihre gemeinsame Tochter Felizitas Bause soll angeblich schon 1556 Bartholomäus Kress von Kressenstein geheiratet haben. Wenn Margaretha Prager (wie auf ihrem Grabstein angegeben) 1506 geboren wurde und ihre Enkelin Felizitas Bause bereits 50 Jahre später heiratete, bedeutet dies für Großmutter, Tochter und Enkelin ein durchschnittliches Heiratsalter von 16 ½ Jahren. Dies ist für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich. Elisabeth Unruhe wird dann etwa 1523 geboren sein, ihre Tochter Felicitas Bause etwa 1540. Weitere Lebensdaten von Hieronymus Bause und Elisabeth Unruhe habe ich nicht.

Der älteste Sohn war Jacob Unruhe. Er soll 1526 in Torgau geboren worden sein und starb am 19. September 1585 in Halle. Jacob studierte Medizin, wurde Dr.med. und später Leib- u. Hofmedicus der Erzbischöfe Sigismund (1553-1566) und Joachim Friedrich (1566-1598) von Magdeburg. Zudem war er Oberbornmeister am Salzwerk in Halle. 1555 heiratete er die um 1540 in Halle geborene Barbara Novenianus, eine Tochter des Philipp Michael NovenianusDr.med. und Leibarzt des Grafen Hans Hoyer von Mansfeld, und der Ursula Ockel, der Schwester von  Peter Ockel, dem ersten Ehemann von Margaretha Pragers Schwester Anna. Nach dem Tod seiner Frau Barbara heiratete Jacob Unruhe in zweiter Ehe 1567 die 1551 in Halle geborene Agnes Untzer, Tochter des dortigen Ratsherren und Pfänners Andreas Untzer und der Agnes Bötticher. Andreas Untzer war wiederum in erster Ehe mit Maria Ludwiger verheiratet, einer Schwester von Anna Pragers zweitem Ehemann Wolfgang Ludwiger. Jacobs zweite Frau Agnes Untzer starb am 7. September 1585 in Halle. Jacob Unruhe hatte sechs Kinder, die sich mit Hallenser Honorationen- und Sälzerfamilien versippten

Der zweite Sohn  Georg Unruhe wurde um 1529 in Torgau geboren und starb am 14. März 1593 im Niederschlesischen Liegnitz, 1554 war er Magister, später promovierte er zum Dr.iur.utr. (er hatte also weltliches und kirchliches Recht studiert) und wurde Syndikus in Liegnitz. Als Syndikus war er für die Rechtsgeschäfte der Stadt zuständig, beriet Bürgermeister und Rat in juristischen Angelegenheiten und verfasste juristische Gutachten in deren Auftrag.  Vor 1557 heiratete er zum ersten mal, der Name seiner Frau ist unbekannt. Seine zweite Frau Blandine Hase starb am 18. April 1597 in Torgau. Als "Georg Unruhinne" ist sie Besitzerin des Hauses am Fleischmarkt 6 in Torgau, wofür sie 1589 (inklusive Braupfanne) 300 Schock Groschen und 1595 245 Schock Groschen Steuern zahlt. 1593 gibt sie die 200 Goldgulden in den gemeinen Gotteskasten, die nach dem Testament der sel. Ratsmeisterin Anna Ludwigi geb. Prager vom 13.3.1581 auf dem Haus und Hof lasten, das sie und ihr seliger Mann "Kauffsweise" an sich gebracht haben und aus dem der jeweilige Besitzer zu Michaeli jeden Jahres 10 Goldgulden Zinsen an den Gotteskasten geben soll. Georgs Tochter aus erster Ehe Elisabeth Unruhe (*17.7.1557 Torgau +13.2.1591 Dresden) war die Ehefrau des Bildhauers Giovanni Maria Nosseni und ist auf dessen Epitaph abgebildet. Die um 1560 geborene Tochter Elisabeths heiratete den Magister Johannes Schütze aus Elster, der Sohn Michael (*um 1565 Torgau +nach 1632 Torgau) war Buchdrucker. Wohl aus zweiter Ehe stammte die Tochter Barbara (*um 1570 Torgau +26.11.1617 ebd.). Diese heiratete 1595 als dessen dritte Ehefrau den aus Lüttich stammenden Bildhauer, Ingenieur und Baumeister Egidius de Bruck, der am 15. September 1599 in Torgau starb, nachdem er "lange krank gelegen" hatte. In zweiter Ehe heiratete Barbara dann im Herbst 1600 den kurfürstlich-sächsischen Fischmeister und Richter Andreas Goldammer (+25.10.1632 Torgau).

Der dritte Sohn Johannes (Hans) Unruhe, der seinen Stiefvater Melchior Schuhmann 1557 mit der Magd im Bett erwischt hatte, wurde um 1532 in Torgau geboren und starb nach 1582 in Halle oder Torgau. Er kaufte die Ratsapotheke in Halle von seinem Onkel Wolfgang Ludwiger, zu unbekannter Zeit verkaufte er diese jedoch wiederum an Wolfgangs Neffen Caspar Ludwiger. Am 14. August 1559 heiratete er in Halle Gertrud Drachstedt, deren Eltern aber nicht sicher sind. Eventuell war sie eine Tochter des Haller Pfänners Achatius Drachstedt und der Margaretha von Blumberg. Vielleicht zog das Paar später zurück nach Torgau, wo Hans 1582 als Taufpate auftritt. Ihr im 1560 geborener Sohn Michael war Pfänner in Halle und starb dort nach 1613. Auch seine Frau Catharina Hertens starb am 21. Dezember 1632 in Halle an der Pest. Hans Unruhes um 1565 in Halle geborene Tochter Margaretha heiratete vor 1587 Johannes Rosenkrantz, den Sohn des Torgauer Stadtrichters Fabian Rosenkrantz, und nach dessen am 5. Januar 1598 erfolgtem Tod in zweiter Ehe Georg Preill. Preill starb am 11. November 1631 in Torgau, Margaretha Unruhe am 9. Februar 1637.

Der vierte Sohn Asmus Unruhe war 1554 noch ein "unerzogner (=minderjähriger) Knabe", vielleicht wurde er um 1543 geboren. Er scheint bald nach 1554 gestorben zu sein, denn er wird danach nicht mehr erwähnt.

Der fünfte und letzte Sohn war Antonius Unruhe. Er wurde am 13. August 1546 in Torgau geboren, testierte am 21. Oktober 1619 und starb dort am 10. April 1620 "post octavam vespertinam". Bestattet wurde er am 17. April 1620. Sein Epitaph und das seiner Frau hingen noch 1764 an der Außenmauer der Klosterkirche der Franziskaner, sind aber heute nicht mehr vorhanden.  Er erbte das Haus seines Vaters in der Fischerstr. 7 und sein Geschäft als Tuchkaufmann, war Ratsherr u. Bürgermeister. Er zahlt 1572 für 350 Schock Groschen die Steuern und für 70 Schock Groschen für seinen Handel, 35 Schock Groschen Garten, 1589 für 350 Schock Groschen, 210 Schock Groschen Gärten vorm Fischertor, 175 Schock Groschen Handel/Braupfanne, 22 Schock Groschen Garten vorm Bäckertor, 43 Schock Groschen Thiemes Haus, 1595 350 Schock Groschen, 35 Schock Groschen Gärten vorm Fischerthor, 135 Schock Groschen Handel/Braupfanne, 22 Schock Groschen Garten vorm Bäckerthor, 1605 350 Schock Groschen, 10 ½ Schock Groschen Braupfanne, 164 ½ Schock Groschen Handel, 210 Schock Groschen 2 Gärten, (175 + 35 Schock Groschen), 14 Schock Groschen Jehnichens Haus; 1577, 1578, 1587, 1596 u. 1599 ist er Weinmeister, 1602 Beisitzer, 1580 u. 1593 Camerarius, Richter, 1581, 1584, 1591 Fischmeister, 1588 Fleischschatzer, 1589 Viertelsmeister, 1603, 1606, 1609, 1612 und 1615 Bürgermeister, 1604, 1607, 1610/11, 1613, 1616, 1618 und 1619 Beisitzer. Im Oktober 1573 heiratete er in Torgau Margaretha Sachse. Diese wurde am 9. Februar 1549 in Torgau geboren und starb dort am Osterabend, dem 4. April 1618. Am 7. April wurde sie neben ihrem Ehemann begraben. Ihre Eltern waren der Stadtrichter Erasmus Sachse und dessen Frau Catharina Kersten; damit war sie eine Schwester der Ehefrau von Dr. Johannes Prager, dem Onkel ihres Ehemanns. Antonius Unruhe und Margaretha Sachse hatten vier Kinder: Prof. Erasmus Unruhe (*17.8.1576 in Torgau, +10.3.1628 ebd., begraben 16.2.1628 in der Wittenberger Schlosskirche). Elisabeth Unruhe, (*1578 Torgau, + 19.9.1632 ebd.), verheiratet am 16. September 1600 mit Dr.med. Heinrich Adolph Horst (*25.5.1569 Schloss Samo, Schlesien, +11.6.1632 Torgau) Stadtarzt in Torgau 1602-1632. Heinrich Adolph Horst wohnte im Haus Fischerst. 7. Der Sohn Hans Unruhe, geboren um 1580 in Torgau, gestorben nach 1628, zog in das Haus Schlossstraße 13, in dem am 20. Dezember 1552 Katharina, die Ehefrau Martin Luthers, gestorben sein soll (heute wird das Haus Katharinenstraße 11 als Sterbehaus gezeigt). Hans Unruhes Ehefrau hieß Justina und starb nach 1624. Die letzte Tochter war Martha Unruhe (*25.9.1588 Torgau +26.2.1604 ebd.)

Ich stamme über meinen Opa Josef Pilipps von den Unruhes ab:

Hans Unruhe ca 1450-nach 1491
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Antonius Unruhe ca 1485-1552
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Johann Unruhe ca 1532-nach 1582
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Margaretha Unruhe ca 1565-1637
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Dorothea Rosenkrantz 1593-1663
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Sigmund List 1621-1698
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Anna Dorothea List 1656-1720
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Johann Martin Reinewaldt 1684-1728
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Johann Gottlob Reinewaldt 1706-1784
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Johannes Reinewaldt 1730-1802
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Anna Gertrud Reinewald 1761-1826
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Johann Wilhelm Thomas 1787-1844
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Barbara Elisabeth Thomas 1828-nach 1885
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Theresia Meier 1863-1935
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Friedrich Anton Philipps 1887-1959
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Josef Anton Philipps 1914-1976
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Frieda Philipps *1939
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Bernd Josef Jansen *1969